Den Lesetipp bekam ich von einem Freund und ich muss sagen, dass dieses Buch mich beim Lesen echt kalt erwischt hat. Was Monchi hier aufschreibt, ist keine theoretische Politik-Analyse, sondern eine unheimlich ehrliche, oft schmerzhafte Nahaufnahme vom Leben in der vorpommerschen Provinz. Er schreibt über seine Heimatstadt Jarmen, über Menschen, die er seit Jahren kennt, über seine Familie und seine kleine Tochter – und über die Frage, wie man in einem Umfeld miteinander leben kann, in dem die politischen Gräben immer tiefer werden.
Der Auslöser für das Buch ist ein heftiger Schlag in die Magengrube: Bei der Bundestagswahl 2025 wählen in seiner Heimatstadt Jarmen 54 Prozent der Wählerinnen und Wähler die AfD. Für Monchi, der dort als „der bekannteste Linke“ gilt und seit Jahren mit Morddrohungen lebt, löst dieses Ergebnis eine Frage aus, die er sich bis dahin so konkret noch nie gestellt hat: Ist es überhaupt noch richtig, hier zu bleiben?
Und genau diese Zerrissenheit macht das Buch für mich so greifbar.
Was mich beim Lesen besonders beeindruckt hat: Monchi macht es sich nicht einfach. Er schreibt nicht aus einer bequemen politischen Blase heraus und stempelt die Menschen in seinem Umfeld pauschal ab. Im Gegenteil. Er schaut hin, fragt nach und versucht zu verstehen, warum Menschen so wählen, wie sie wählen. Dabei begegnen ihm ganz unterschiedliche Motive: Angst vor sozialem Abstieg, Sorgen um die Wirtschaft, die Energiekrise, die Angst vor Krieg, Frust über die etablierten Parteien und ein tiefes Gefühl, dass es so nicht weitergehen könne.
Natürlich begegnen ihm auch Menschen, bei denen für ihn jede Diskussion an eine Grenze kommt. Aber gerade diese Unterscheidung macht das Buch so glaubwürdig. Er schreibt selbst sinngemäß: Es gibt nicht „die AfD-Wähler“. Und wenn er durch Jarmen geht, hat er eben nicht das Gefühl, dass 54 Prozent der Menschen dort Idioten sind.
Das hat mich sehr beschäftigt.
Denn die eigentliche Stärke dieses Buches liegt für mich genau dort, wo es unbequem wird: in der Erkenntnis, dass man Menschen, mit denen man politisch nicht übereinstimmt, auf dem Land nicht einfach aus dem Weg gehen kann. Man begegnet sich beim Bäcker, im Supermarkt, beim Arzt, im Verein, bei der Feuerwehr oder auf dem Dorffest. Man kennt sich. Man grüßt sich. Man lebt Tür an Tür.
Und man begegnet dabei eben nicht nur Menschen mit unterschiedlichen politischen Ansichten, sondern auch Menschen, die jeden Tag ihr Bestes geben – in ihrem Beruf, in der Pflege, im Handwerk, in der Schule, in der Verwaltung oder ganz einfach dort, wo sie gebraucht werden. Menschen, die arbeiten, sich um andere kümmern, Verantwortung übernehmen und versuchen, ihren Alltag zu meistern. Auch das gehört für mich zu dem Bild einer Gemeinschaft, das dieses Buch so greifbar macht.
Monchi nennt die „Brandmauer“ deshalb einen Begriff aus der Großstadt. Denn jenseits dieser Mauer, in der Provinz, sieht der Alltag anders aus. Dort kann man sich nicht einfach in seine eigene politische Blase zurückziehen.
Und genau hier wird das Buch für mich mehr als eine Auseinandersetzung mit einem Wahlergebnis. Es wird zu einem Buch über Nähe und Distanz, über Heimat, Angst, Widersprüche und die schwierige Frage, wie viel Trennung eine Gesellschaft aushält, ohne dass das Gespräch zwischen den Menschen abreißt.
Man spürt auf jeder Seite seine tiefe Liebe zu Mecklenburg-Vorpommern, zu Jarmen, zu seiner Familie und zu seiner kleinen Tochter. Gleichzeitig spürt man seine Angst davor, was die politische Entwicklung für seine Familie und seine Heimat bedeuten könnte. Dieser Spagat zwischen „Ich liebe es hier“ und „Ich halte das hier kaum noch aus“ hat mich beim Lesen immer wieder schlucken lassen.
Und trotzdem bleibt da etwas, das ich aus diesem Buch besonders stark mitnehme: die Bedeutung des Gesprächs. Monchi schreibt vom „Streiten – im positiven Sinne und auf menschlicher Ebene“ und davon, nach dem zu suchen, was Menschen verbindet, statt nur auf das zu schauen, was sie trennt.
Das ist vielleicht das Wertvollste an diesem Buch: Es liefert keine einfachen Antworten. Es macht die Widersprüche nicht kleiner und die politischen Unterschiede nicht unsichtbar. Aber es zwingt dazu, genauer hinzusehen.
Und es ist in einer sehr direkten, unverstellten und zeitgemäßen Sprache geschrieben. Manchmal derb, manchmal wütend, manchmal nachdenklich – aber immer persönlich. Gerade dadurch wirkt es nicht wie eine distanzierte politische Abhandlung, sondern wie ein Mensch, der versucht, seine eigene Heimat und die Menschen darin zu verstehen.
Für mich ist „Jenseits der Brandmauer“ ein wichtiges und aufrüttelndes Buch für unsere Zeit. Nicht, weil es einfache Lösungen anbietet, sondern weil es zeigt, wie kompliziert das Leben dort sein kann, wo politische Begriffe auf eine Wirklichkeit treffen, in der man sich am nächsten Morgen trotzdem wieder beim Bäcker begegnet.
Und vielleicht ist genau das die wichtigste Botschaft dieses Buches: Nicht aufhören miteinander zu reden – gerade dann nicht, wenn es schwierig wird. Absolut Lesenswert.
Heidelinde Penndorf
(September 2026)
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